Herr Rabe

Zeichnung vom 06.04.20

Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte, unsere Geschicht hier veröffentliche. Doch da sie so einzigartig ist, währe es traurig, wenn sie irgendwann in Vergessenheit gerät und ein Blatt unter vielen im Baum wäre. Vielleicht ist sie das auch, aber dann erstrahlt dieses eine Blatt in allen Farben oder eher in einem wunderschönen tiefen Blauton. 🙂

Am Abend des 06.04.20 fing ich an einen Raben zu zeichnen, dieses Bild habe ich nie fertiggestellt. Am Nachmittag des 05.05.20 wurde ein Rabenbaby im Karton, gebettet auf Gras in der Praxis abgegeben. Über ihm ein Fahrradkorb, damit er nicht wegfliegt. Ich sollte schauen ob es ihm gut ging und ob er wieder dort ausgesetzt werden konnte, wo er gefunden wurde, damit sich seine Eltern weiter um ihn kümmern konnten.

Ich sah in große blaue Augen und es war mir, als würde ich den kleinen flauschigen Kerl da unten in dem Karton kennen. Ihm ging es wohl genauso, denn er setzte sich wie das normalste der Welt auf meine linke Schulter. Dem kleinen Raben ging es leider nicht gut, um es genauer auszudrücken. Seine Atemwege waren so entzündet, dass ihm das Atmen sehr schwer viel, der starke Milbenbefall war noch das geringste Problem. Der Schnabel sah nach einem schweren Sturz aus.

Da standen wir nun eine Frau und ein Rabe, wir hatten eine Gemeinsamkeit, Aufgeben ist keine Option.

Ankunft in der Praxis 05.05.20

Dr. Wolf hat direkt die Erstversorgung übernommen. Der kleine Rabe wurde Homöopathisch behandelt, wir wollten schauen, ob wir es auf die sanfte alternative Weise in den Griff bekommen.

Die erste Nacht gestaltete sich schwierig, er wollte nicht alleine schlafen. Am liebsten auf meiner Schulter, mit dem Köpfchen an meinem Hals. Das war der Moment wo ich mich vollends in ihn verliebte ❤ 🙂

erste Nacht ❤

Dieser kleine Rabe war etwas Besonderes, da gab es keinen Zweifel. Ich habe schon Krähen und Elstern aufgepäppelt und später in die Auffangstation gebracht, aber so war kein Einziger.

Wir haben übrigens einen Kompromiss gefunden, so konnte ich einfach nicht schlafen 🙂

Ich habe ein Weidenkörbchen zu einem Nest umgebaut und während der Nacht meine Hand neben ihm gelassen. So konnten wir beiden einschlafen.

Die Autofahrt in die Praxis stand uns bevor, da er die Transportbox verabscheute, entschloss ich mich das Weidenkörbchen, als sein transportables Nest zu benutzen. Er verhielt sich so, als wäre es das Normalste der Welt, dass ein Babyrabe im Weidenkorb auf dem Beifahrersitz Auto fährt.

erste Autofahrt.

Ich war zutiefst beeindruckt von ihm 😀 Auf den Rand schaffte er es noch nicht selbstständig, also zupfte er sein Heu etwas zurecht und genoß vollkommen unbeeindruckt die Autofahrt.

In der Praxis versorgten wir ihn wieder mit seinen Medikamenten, ich machte mir Gedanken, ob ich ihn auch hören werde, wenn er Hunger hat währenddessen ich im Behandlungsraum bin. Kurze Zeit später dröhnte ein unüberhörbares „Raaaaaab“ aus der Station wo er sich aufhielt, durch das Wartezimmer, durch die geschlossene Tür, in den Behandlungsraum. 🙂 Der kleine Mann hat eine bemerkenswerte Stimme.

Er rief mich wenn der Hunger und Durst groß wurde, das war auf die Minute genau Stündlich. Der Appetit war groß, das machte uns Hoffnung, dass er stark genug ist die Infektion zu überleben. Trotz allem nahm ihm das erschwerte Atmen sehr mit, wir kuschelten viel und schliefen oft Kopf an Kopf ein.

unsere typische Schlafpostion in den ersten Tagen ❤

Das Band was wir zueinander webten, war sehr innig und sehr fest. Das Vertrauen war unerschütterlich und so beschloss ich seinen Wunsch zu erfüllen, die weite Welt zu erkunden. Wir fingen an, gemeinsam spazieren zu gehen.

erster Spaziergang am 10.05.2020

Die gemeinsamen Spaziergänge funktionierten wunderbar, er konnte die Welt auf dem Boden erkunden, denn fliegen konnte der kleine Mann noch nicht und ich wachte währenddessen über ihn. Mir kam vor meine Sinne verschärften sich, denn ich reagierte auf das leiseste Geräusch, behilt den Boden sowohl auch den Himmel im Blick.

das erste Mal selbstständig meine Schulter erklommen 🙂

Mit der Zeit entdeckte er einen neuen Lieblingsplatz, meine Schulter 😉 von hier hatte er alles im Blick, war bei mir und die Möglichkeit sich so fortzubewegen, sagte ihm sehr zu. Mit Hilfe von ein paar Flügelschlägen schaffte er es von meinem Arm von selbst auf meine Schulter.

Wir lieben unsere gemeinsamen Erkundungstouren ❤

Nicht nur ich zeigte ihm die Welt, sondern auch er öffnete mir einen vollkommen neuen Blickwinkel, die Welt mit den Sinnen im Hier und Jetzt, die Besonderheit jeder einzelnen Blüte und jedes Baums. Vertrauen ist unabhängig davon, wer wir sind, Vertrauen wirkt von Herz zu Herz.

eines meiner Lieblingsbilder von uns. ❤

Trotz der guten Entwicklung, versuchten wir vergeblich seine Atembeschwerden in den Griff zu bekommen. Homöopatische Mittel und Biomolekularen vitOrgan-Therapie hatten nicht den Erfolg den wir uns erhofften. Ich machte mir große Sorgen um den kleinen Raben, denn die Entscheidung eine Antibiotikagabe hinzuzufügen rückte offensichtlich näher. Diese Gabe ist nicht ganz ungefährlich und wird manchmal sehr schlecht vertragen. Darum waren Dr. Wolf als auch Dr. Götte-Wentzek bemüht diese Gabe zu vermeiden. Natürlich bekam er auch jeden Tag Reiki von mir und ich unterstützte ihn mit ätherischen Ölen.

Er liebte sein morgendliches Bad mit einem Hauch Orangenöl, ich hatte durchaus auch andere Öle probiert, die förderlich und unterstützend gewesen wären. Es sollte aber Orangenöl sein. Sein Federkleid entwickelte sich fantastisch und dieser besondere Blauton wurde offensichtlich. Ich konnte mich kaum satt sehen ❤ Wenn er doch nur besser atmen könnte…

Herr Rabe wächst mehrsprachig auf und bildet sich stetig weiter 😉
Rabenblau ❤

Der Moment kam, als ich die Entscheidung treffen musste Antibiotika einzusetzen. Die Spritzengabe hat ihn vollkommen mitgenommen und Dr. Wolf befürchtete, dass er es nicht überleben wird. Ich arbeitete sofort energetisch mit ihm, langsam stabilisierte sich sein Zustand. Jetzt war entscheidend, ob er die Nacht übersteht.

Autofahrt zur Arbeit

Und er hat sie überlebt. Aufgeben ist keine Option ❤

Das Antibiotika wirkte sehr gut und ich setzte mich mit der Auffang- und Auswilderungsstation in Verbindung. Der Grund warum ich ihn zu mir nahm, war der, dass er seine Freiheit leben sollte. Ich sah mich nur als Heilungsstation, das Sprungbrett zur Freiheit.

Naturschutzgebiet Hunsrück, der Ort wo er leben sollte.

Mein Herz war gleichzeitig freudig und schwer, die Zeit die ich mit diesem besonderem Wesen verbracht hatte fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an. Sie enthielt Erzählstoff für ein halbes Leben, aber es war Zeit loszulassen. Am 23.05.20 traten wir unsere letzte gemeinsame Autofahrt an – wie ich dachte 😉 und fuhren zur Auffangstation, damit Herr Rabe unter Artgenossen groß werden konnte und die Möglichkeit bekam ein freies, glückliches Leben zu führen.

Ankunft des Kleinen am 23.05.20

Ich blieb eine Nacht um ihm die 2. Antibiotikaspritze zu geben und um Abschied zu nehmen. Die Atmung war immer noch schwer, aber wir waren auf dem Weg der Besserung. Dann war der Zeitpunkt gekommen, ohne ihn den Rückweg anzutreten.

Es war schwer, ich glaube mehr Worte bedarf es nicht.

Die Berichte über ihn, die ich bekam, waren gut. Er hatte großen Hunger und entwickelte sich gut, die Atmung hatte sich endlich normalisiert. Das alles ließ mich hoffen, dass er vielleicht diesen Winter schon rein und rausflog wie er wollte und sich langsam sein eigenes Leben aufbaute.

Unterdessen zog ich eine Elster auf, die in der Praxis abgegeben wurde, sie entwickelte sich so rasant gut, dass ich sie nach einer Woche in eine Auffangstation bringen konnte die 1 Std. von Herrn Rabe entfernt lag. Ich nahm die Chance wahr um ihn zu besuchen und zu sehen, wie er sich entwickelt.

Besuch am 31.05.20

Wenn ich mir jetzt die Bilder ansehe und vergleiche sehe ich es schon in seinen Augen und ich sehe es seinem Federkleid an. Zum damaligen Zeitpunkt, wollte ich die Vorstellung der Freiheit nicht aufgeben. Was ich damals nicht bedachte, es ist alles immer eine Möglichkeit. Manchmal muss man über seine eigenen Grenzen hinauswachsen, dann ergeben sich wieder andere, neue Möglichkeiten.

Etwas was mir Herr Rabe beigebracht hat, es ist alles immer eine Möglichkeit.

Die kommenden Wochen wurden schlechter, körperlich ging es ihm gut. Die Entzündung der Atemwege war ausgeheilt, aber er weigerte sich, sich weiter zu entwickeln. Er wollte nichts mit den Anderen zu tun haben, er war unzufrieden, rief seinen Kummer und seinen Schmerz laut raus. Es kam zur Konfrontation mit einem anderen Männchen, der ihm die Schwanzfedern auf die gleiche länge kürzte wie er sie hatte. So kurz, dass ein Rabe nicht fliegen kann. Eine sehr emotionale Tat, aus Frust, denn bei diesem Männchen wachsen die Schwanzfedern leider nicht.

Ich hatte mir vorgenommen mich zurückzuziehen und ihn nicht alle Nase lang anzukommunizieren, damit er loslassen kann. Sein Rufen und Ziehen nach mir wurden immer stärker, ich kann es am Besten in einem verzeifelten und klagenden Satz ausdrücken „Wo bist du?“ Bevor die Auffangsation anrief wusste ich es schon.

„Er schreint unentwegt nach dir, wir sind überfordert, wir müssen uns was einfallen lassen“ Die Lösung war offensichtlich, er wollte mit und bei mir leben, nun hing es an mir mein Leben so einzurichten das möglich zu machen. Ab dem Zeitpunkt, als ich ihm abends sagte wie oft er noch schlafen musste bis ich komme, wurde er ruhiger. Bis der Tag endlich kam und ich ihn abholte, er machte Töne, die ich noch nie von ihm gehört habe und die Auffangstation auch nicht. Sie trafen direkt mein Herz. 6 Wochen war er dort, nun waren wir wieder vereint. Wir fuhren gemeinsam Heim. ❤

wieder vereint 12.07.20

Fortsetzung folgt ❤

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